Die Farben der Nacht

(…) Es war das Land des Biers. Schon seit Monaten wollte ich ein Buch über einen italienischen Maler des Trecento schreiben, Bernardo Daddi mit Namen, dessen Gemälde ich in der Toskana gesehen und dessen Lebensdaten mich nachdenklich gestimmt hatten. (…) Zunächst war diese Idee in meinem Kopf hängen geblieben, wie etwas beim Kochen unten im Topf haften bleibt. Und ich hatte wie ein Verrückter gekratzt, um auf den Grund zu kommen. Ich wusste nicht, wie ich sie angehen sollte, diese Idee, um aus ihr etwas Gelungenes zu machen. Denn im Grunde passte mir dieser frühe Tod, dieses kurze Leben nicht, aber ich spürte wohl, dass dahinter noch etwas anderes steckte, dass mich nicht nur das tragische Schicksal des Malers ansprach, sondern die Epoche wie ein schwarzes Loch. Das ganze 14. Jahrhundert fixierte mich mit einem düsteren Blick. Es hatte sich wie ein Sarg geöffnet, um den Tod aufzunehmen, sich wieder geschlossen, wie Ober-und Unterkiefer, die in der Dunkelheit der Zeit aufeinanderschlagen. Das war es, dieses verhallte Echo aus der Vergangenheit, das wie ein erbärmliches Aufstoßen menschlicher Verdauung meine Fantasie angeregt hatte. Genau das nämlich hatte ich empfunden, aus den kleinen Bildern des Malers und seinen verwirrenden Lebensdaten trat mir das Gespenst eines Jahrhunderts entgegen. Jenseits der religiösen ikonographischen Konventionen spürte ich noch die einfachen Striche der Zeichnung, die goldene Farbe, die alles bedecken sollte, einer Frau vergleichbar, die sich zu Beginn der Nacht mit Juwelen behängt. Hinter seinen Bildern war mehr als menschliche Regung, es war der Tod, der an die Tür klopfte, der Tod selbst, der an das Tor des Jahrhunderts hämmerte. Seine drängenden, wiederholten Schläge donnerten in das Schweigen hinein, ließen die Mauern des Schlosses erbeben, verlangten, was ihnen zustand wie nächtliche Einbrecher, ja,, das war mehr als der Hauch einer menschlichen Präsenz, hinter diesen Werken stand die Erschütterung eines Jahrhunderts. Ich war gerade in Prag angekommen, wo der Wein sauer schmeckte und in dem, was ich für mein erbärmliches Leben hielt, hatte ich mich dazu entschlossen Pilsener Bier zu trinken. (…) Etwa 100 Meter von der Wohnung weg, die ich vier U-Bahn-Stationen vom Stadtzentrum entfernt gefunden hatte, (…) war mir eine Tankstelle aufgefallen, die rund um die Uhr geöffnet war. (…) Nachts, wenn mich meine Schritte zur Quelle führten, sah ich aus der Ferne die Leuchtreklame der Tankstelle über die Dunkelheit triumphieren und dem Getöse des Verkehrs, das über sie hinwegbrauste, widerstehen. Dann musste ich an Daddis Gemälde denken, kleine goldfarbene Vierecke, die gegen die dunklen Mächte kämpften. Das Neonlicht beruhigte mich sofort, der Kühlschrank schnurrte wie eine Katze, die einem um die Beine geht, ich fand die glänzenden Flaschen des Pilsner Urquell und zog mit zwei Litern blonden Biers unter dem Arm in die Dunkelheit zurück – es ging mir gut.

Was Daddi betraf, seine Daten vor Augen, sein erschreckendes Geburts-und Todesdatum, so erschienen diese mir wie ein Hinweis darauf, was man damals erwarten konnte oder vielmehr, was auf dieser Erde nicht zu erhoffen war; so hatte ich vor seinen kleinen Gemälden, deren Themen uns, einigen von uns, so schlicht erschienen, das Ende geahnt, das er sich für sein Leben vorstellte und darüber hinaus, die andere Hoffnung, an die man sich halten sollte, die religiöse Zuversicht – im Grunde nein, sie war es, die einen hielt – in der man sich wie selbstverständlich bewegte, in welcher das Jahrhundert wie zwangsläufig eingetaucht war wie in ein beruhigendes Gewässer/Strömung, an dessen Oberfläche die Gestalten der Heiligen, das Antlitz Christi als stille Verkörperungen wie Holzstücke auf dem Wasser trieben. Und ich war in die Stadt von Rilkes Kindheit , der Kindheit meines Dichters, gekommen, in Gedanken an Daddi las ich in einem Brief Rilkes, den ich aus der Flut seiner Korrespondenz gefischt hatte, ja, ich las Ich bewundere, ja ich bewundere dieses 14. Jahrhundert, in meinen Augen das Erstaunlichste von allen, genauer Gegensatz zum unsrigen, ja, mein Dichter hat dies formuliert, ich hatte es bei meiner Ankunft in Prag gelesen, während ich Daddi im Kopf hatte, und mir sagte, dieses 14. Jahrhundert, genau dieses, ohne genau zu wissen, was das bedeuten sollte, wohin sie mich führen würde, diese Idee, ein Buch über Daddi zu schreiben, über jenes verlorene 14. Jahrhundert – wie bald das unsere – dort, wie ein Anderswo, das man für inexistent hielt, dessen Wirklichkeit nicht mehr zu messen war, letztendlich wie eine Legende, ja, es lag so weit zurück in der Zeit, dass es sagenhaft geworden war, wie eine versunkene Insel – gefürchtetes Atlantis –; und hier, in dieser von alten Geistern heimgesuchten Stadt, – hatten sie je existiert? – in die ich gelangt war, flammte ein Streichholz vor diesem finsteren Horizont auf, der sich vor mir auftat – während ich daran dachte -, ein winziges Aufflackern, das mir bestätigte, dass ich nicht in die Irre ging, in dem Irrtum, der die Gegenwart darstellte, entmutigte mich alles, zog mich in einen gefährlichen Abgrund – ich hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, die Antibiotika schützten mich, oder vielleicht auch nicht, zu guter Letzt hatte das keine Bedeutung; aus der Nacht tauchten Schatten, die mich des Tags verfolgten, noch vor der Landung in Prag, noch bevor ich auf Golems Schatten stieß; ich lief dem Licht entgegen, das der Winter allmählich verschlang und jede Tür schloss sich vor meiner Nase, wurde zugeschlagen, wie die schrecklichen Kiefer der Zeit, schlug in meine Finsternis (meine Einsamkeit); ich öffnete eine weitere Flasche Pilsner Urquell, abends etliche, eine nach der anderen, um dem zu entrinnen, ja, ich hatte damit angefangen, mein Bauch blieb vorläufig noch flach, nachts stand ich mehrmals auf um zu pinkeln, es war immer mein Kopf, der zuerst wach war: Rilke hatte einen Satz über das 14. Jahrhundert geschrieben, er hatte sicherlich ein Gemälde von Daddi gesehen, wie ich welche in Florenz oder auch in Prag gesehen hatte, denn auch hier hatte ich Werke von Daddi gesehen, in der ersten Etage des Sternberg-Palais, im Saal der italienischen Malerei des 14. Jahrhunderts, dort hingen drei Gemälde von Daddi – drei kleine Triptychen von Bernardo Daddi, Überreste, die einen Schiffbruch überlebt hatten, gestrandet in einem anderen Zeitalter, das sie nicht mehr verstand, das sie wie Blumentöpfe auf einer Fensterbank betrachtete, Dekorationsobjekte von beträchtlichem Marktwert, doch keiner wusste mehr etwas zu berichten über den wirklichen Inhalt dieser drei Rahmen aus Holz, wie die Seiten eines Buches aneinandergeheftet, kleine tragbare Retabel, noch über das in ihnen eingeschlossene Jahrhundert, keiner wusste mehr, dass angesichts der Pest, die draußen wütete, er dieses Versteck gefunden hatte und dass er den Lebenden, welche die Pest bald dahinraffen würde wie der Wind im Frühling den Pollen verstreut, dass dieser Maler dieses winzige Grab anbot, eine Kapsel, die allem widerstehen würde, den aufeinanderfolgenden Seuchen – welche ganze Dynastien in Schrecken versetzte – , den Kriegen und den Stürmen der Zeit, sie würde die Jahrhunderte überdauern, selbst wenn sie sie todgeweiht hinter sich ließe, mit ihren verstummten Chören der Eitelkeit wie von Bergschlägen zermalmte Fanfaren – wer weiß, sie würde es vielleicht schaffen, ungehindert die letzte Katastrophe zu überdauern, wenn an dem von den Wissenschaftlern errechneten Datum ein Komet seine Umlaufbahn durch einen Zusammenstoß mit der Erde beenden würde, der die Meere entfesselte, eine dauerhafte Staubwolke aufwirbelte und, wer weiß, die menschliche Spezies auslöschte; und sie, die allein übriggebliebene und in der Unendlichkeit verlorene Kapsel, die Gott preist und alle Menschen in sich aufgenommen hat, was würde sie anderes tun als durch das All zu treiben, gleich einer beleuchteten Tankstelle an einer verlassenen Straße, sie würde im Raum schweben als die letzte Spur einer untergegangenen Rasse. Doch davor, nachdem sie allem getrotzt hatte, würde sie noch der plumpen Gleichgültigkeit unserer Zeit widerstehen.

Auf den Gemälden nahm de Wahl der Farben allmählich vor den Augen des Künstlers Gestalt an und ergab einen Sinn, doch wenn die Besucher der Ausstellung sie betrachteten, erfassten ihre Blicke zunächst das gesamte Bild, bevor sie die Zusammensetzung der Farben, Schichten und Stoffe wahrnahmen, ja, erst wenn man sich dem Kunstwerk näherte, trennte das Auge die Elemente, die es ausmachten, erkannte ihren unterschiedlichen Ursprung, zerlegte das Ganze in eine Ansammlung von Bestandteilen; so wie das Leben dem Chaos einen Anschein von Einheitlichkeit/Zusammengehörigkeit zu geben vermochte, gelang es der Kunst, eine Harmonie unter den Farben glaubhaft zu machen/den Glauben an eine Harmonie der Farben zu erwecken, doch als die Welt begann, ihren Glauben in Frage zu stellen, und diese neue Wüste neue Suchen zeitigte, kehrte die Kunst ihre Bewegung um, das Auge sah nur mehr vereinzelte Farbblöcke, die Leinwand der aus dem Lot geratenen Welt bot keine Orientierung mehr, Andel kreiste in ihr wie ein aus der ersten Wirklichkeit herausgeschleudertes Elektron; wenn er sie auch richtig einschätzte, war er doch unfähig, wieder in sie hineinzuschlüpfen, er bewegte sich in ihr wie ein Bandwurm in einem fremden Darm, es gelang ihm nicht, dem, was sich um ihn herum regte, bewegte und lebte, einen Sinn zu verleihen, obgleich es eine Form hatte, nicht immer erkennbar – seine Kurzsichtigkeit ließ die Konturen verschwimmen – , der Fleck bei starkem Tageslicht in seinem Blickfeld, verdarb die Unversehrtheit/Vollkommenheit des Bildes, doch ergab dies keinen Sinn, seltsame Täuschung, dieses Durcheinander zusammenhängender Ungewissheiten, unbeherrschbares Brodeln, das ständig zwischen Erlöschen und Aufflammen schwankte, und je mehr er die Leinwand bei Tageslicht betrachtete, desto mehr wurde er geblendet und war nicht mehr in der Lage, etwas zu unterscheiden, nachts (ausschließlich nachts), wenn sich die leuchtende Intensität der Bilder abschwächte, gelang es ihm, schlaflos, aus der Täuschung etwas herauszulesen, ein Bildschirm, auf welchem eine sanftere Schau erschien, die Dunkelheit nahm der Materie die Heftigkeit (die Farben der Nacht waren schöner als die Tages).

(…)

(Übersetzung von Prof. Dr. Anne Begenat-Neuschäfer)